Jutta Himmighofen-Strack

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Inklusion – Mehr Chancen für Alle? Friedberg, September 2012

Kunde: Stadt Friedberg
Leistungen: Konzept, Organisation, Pressearbeit

Am 28. September, um 19 Uhr lud die Stadt Friedberg gemeinsam mit dem Friedberger Bildungsforum in die Aula der Augustinerschule, Am Goetheplatz 4, zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Inklusion“ ein. “.

Dazu schrieb die Wetterauer Zeitung:
Inklusion: »Lernen, mit Andersartigkeit umgehen«
Friedberg (sda). Inklusion, die Idee einer Schule für alle Kinder, »für wirklich alle, und nicht nur für die einen Alle«, wie es Prof. Dieter Katzenbach ausdrückte. Ein Thema, das viel Platz für Hoffnung bietet, aber auch Unsicherheit und Bedenken mit sich bringt – das zeigte sich am Freitagabend:
Bis auf den letzten Platz war die Aula der Augustinerschule besetzt. Stadt und Bildungsforum hatten eingeladen, um über das Thema »Inklusion – Gleiche Chancen für alle?!« zu diskutierten. Experten, Lehrer und Betroffene stellten sich der Frage, ob Inklusion ein Ziel in greifbarer Nähe oder noch ein utopischer Zukunftstraum ist. Auch wenn Moderatorin Eva Deppe eine halbe Stunde überzog, zahlreiche Besucher zu Wort kommen ließ, blieb doch eine Frage offen: Ist unsere Gesellschaft reif für ein gelebtes Gleichheitsprinzip? Für Prof. Dieter Katzenbach von der Frankfurter Universität ist Integrative Schulen keine Frage: Das »Wie« sei längst beantwortet, die Herausforderung liege darin, das Konzept der Inklusion auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen. Kern der Debatte sei nicht die Behinderung an sich, sondern die soziale Dimension. Und Förderschulen, so Katzenbach, verhinderten per se die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das gegenwärtige Schulsystem, so Katzenbach, gründe sich auf die Drohung des Ausschlusses – etwa durch Sitzenbleiben oder Schulverweis. »Diese Überzeugung beißt sich mit dem Gedanken der Inklusion.« Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, dass alle Kinder das Gleiche tun und lernen. Dass viele Eltern die Befürchtung hegten, ihre behinderten Kinder würden in dem gegenwärtigen System untergehen, zeige, »dass in unseren Schulen ganz viel nicht stimmt.« Und: »Wir in Hessen bewegen uns bildungspolitisch an einer Grenze zur Menschenrechtsverletzung.« Wie in Niedersachsen mit dem Thema Inklusion umgegangen wird, berichtete Dr. Peter Wachtel, der dort im Kultusministerium tätig ist. In dem Nachbarland wird die inklusive Schule verbindlich zum Schuljahresbeginn 2013/14 eingeführt. Konkret bedeute dies, dass künftig kein Kind mehr gegen den Willen seiner Eltern oder den eigenen Willen verpflichtet wird, eine Förderschule zu besuchen. Dazu nehmen mehrere Tausend Lehrkräfte an Fortbildungen teil. Hierzulande noch ein weiter Weg? Folgt man der Podiumsdiskussion, scheint es so: Von »fehlenden Ressourcen« spricht Michaela Ohse, Direktorin der Musterschule. Der Gedanke sei gut, die Mittel reichten aber nicht aus. Kollegin Judith Schlesinger, Direktorin der Helmut-von Bracken-Schule, sieht das ähnlich.Langer Atem nötig« Auch eine betroffene Mutter steht auf dem Podium: Gila Käbisch-Nickels Tochter ist 15 Jahre alt, besucht eine Lernhilfeschule. Lange habe sie versucht, ihre Tochter in einer Regelschule unterzubringen. Auch nach der zwölften Anfrage blieb die Suche erfolglos. »Meine Tochter wollte in der Gemeinschaft zur Schule gehen, in der sie lebt.« Stattdessen sei sie mit einem Extra-Bus an einen 25 Kilometer entfernten Ort gebracht worden: »Praktiken der Ausgrenzung.« Nicht ganz zuversichtlich ist Dieter Bretz, Leiter der Blindenschule. Für ihn ist Inklusion eine »visionäre Idee, die viel Gelassenheit und einen langen Atem braucht.« Das jetzige Schulsystem sei noch lange nicht bereit für eine Umstellung, sagt er mit Verweis auf die Ausstattung seiner Schule. Allein der organisatorische Aufwand sei so schnell nicht umsetzbar an Regelschulen – etwa die räumlichen Gegebenheiten für Rollstuhlfahrer oder die Gestaltung von Klassenarbeiten in Blindenschrift.
Ein Zuschauer meldete sich zu Wort, er ist blind. Seine Antwort an die Experten: »Es ist nicht alles möglich.« Zu groß sei die gesellschaftliche Intoleranz gegenüber andersartigen Menschen: »Wie einsam kann man Behinderte machen, indem man sie in einer Riesenwelt voller Unverständnis hält?« Die integrative Schule sei »eine Mördergruppe, in die man den Schwachen wirft.« Eine weitere Zuhörerin sieht das ähnlich. Sie ist blind, ihr Sohn auch. Er besucht die Blindenschule. Für Inklusion sei die Gesellschaft noch nicht bereit. In einer Regelschule, glaubt die Mutter, müsste ihr Sohn zu viel Energie dafür verschwenden, die Behinderung zu kompensieren, könne daher nichts lernen: »Förderschulen bieten den Kindern Raum, sie selbst zu sein.« Eine andere Mutter glaubt das Gegenteil. Ihr Sohn ist fünf Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen. Er besucht die integrative Kita Sonnenschein. »Natürlich wird er nie Mathe lernen.« Trotzdem, sagt die Mutter, sei der Umgang mit nicht behinderten Kindern sehr wichtig für ihn, gebe ihm Lebensmut. Am Ende des Abends steht eine Menge Unsicherheit, aber auch Hoffnung. Vielleicht braucht Inklusion ihre Zeit – Zeit, bis alle verstanden haben, wie es eine Anwesende ausdrückt, dass »jeder so ist, wie er ist, und wir endlich lernen, mit Andersartigkeit natürlich umzugehen.«

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